Gewalt in Kinderheimen: Eine Geschichte des Versagens | Kölner Stadt-Anzeiger

Auch Feste wurden im Sülzer Kinderheim gefeiert. Viele ehemalige Heimbewohner erinnern sich aber eher an die Gewalt.

Auch Feste wurden im Sülzer Kinderheim gefeiert. Viele ehemalige Heimbewohner erinnern sich aber eher an die Gewalt.

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ARCHIVBILDER: STADT KÖLN

Köln –

Am schlimmsten war es, wenn das Monster lachte. Monster nennt Erich Scheuch auch nach 40 Jahren Schwester Barbara (Name geändert), auf die er als Junge im Kinderheim Sülz traf. Die Nonne, die ihn erziehen sollte. Die Nonne, die ihn prügelte. Wieder und wieder, mehrmals am Tag, mit Stuhlbeinen, Knüppeln und Stöcken. „Sie hörte fast nie auf, bevor ich blutete“, sagt Scheuch. Um ihn zu demütigen, ließ die Schwester den Jungen sein eigenes Blut aufwischen, während sie sich darüber amüsierte. Mehrmals schlug sie das Kind bewusstlos.

Kein Einzelfall, zahlreiche Zeitzeugen berichten, wie sie im städtischen Waisenhaus am Sülzgürtel in den 50er und 60er Jahren schwer misshandelt wurden. Die Schwestern Elisabeth Scheunemann-Schiefer und Cäcilie Bennigsfeld haben im Sülzer Kinderheim von 1951 bis 1963 beziehungsweise bis 1966 gelebt: Benningsfeld erinnert sich im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ daran, wie sie sich nackt ausziehen musste, um dann mit einem Gummiknüppel geprügelt zu werden. Wenn die Kinder die Heimtoiletten nicht ordentlich geschrubbt hatten, wurde sie mit dem Kopf ins Klosett gesteckt. Selbst Babys wurden geschlagen, wenn sie weinten. Wer als bockig galt, wie Scheunemann-Schiefer, wurde zwischenzeitlich in eine Psychiatrie überwiesen und dort mit Hilfe von Medikamenten ruhiggestellt.

Das Heim, das damals unter der Regie des städtischen Direktors Josef Abeln von 90 Nonnen des Ordens „Schwestern vom armen Kinde Jesus“ geführt wurde, hätte ein Ort der Geborgenheit für Mädchen und Jungen sein sollen. Viele der insgesamt 22 500 Kinder, die im Laufe der Jahre hier aufgenommen wurden, kamen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, Erich Scheuchs Vater war alkoholkrank, seine Mutter Prostituierte. Der Junge war fünf, als das Jugendamt ihn aus der Familie holte und ins Heim überwies. Die Eltern von Benningsfeld und Scheunemann-Schiefer waren verstorben. Statt Geborgenheit gab es am Sülzgürtel aber Schläge. Keine Ohrfeigen, keinen Klaps auf den Hintern. Richtige Schläge. „Es war Folter“, sagte Scheuch heute.

Die Geschichte des Sülzer Waisenhauses in den 50er und 60er Jahren ist eine Geschichte des kollektiven Versagens. Nicht alle Nonnen haben geprügelt. Die, die es nicht taten, trugen aber offenbar wenig dazu bei, die Missstände aufzuklären. Weltliche Erzieher und Lehrer, die auch auf dem Gelände arbeiteten, der Heim-Direktor, die Heimaufsicht: Sie alle wussten nichts oder schwiegen. Verwandte, die sich über blaue Flecken an den Körpern der Kindern wunderten, wurden abgewimmelt. Einem Großvater drohte der Orden mit einer Klage wegen Verleumdung. Die meisten Mädchen und Jungen trauten sich ohnehin nicht, über die Zustände im Heim zu erzählen – aus Angst vor weiteren Schlägen.

Erich Scheuch lebte sechs Jahre im Sülzer Waisenhaus, von 1963 bis 1969. Am Rande einer Podiumsdiskussion zum Heim im Bezirksrathaus Mülheim erzählt er über die Zustände im Heim, bricht schnell in Tränen aus, zeigt Narben an Händen und Brust, die er von den Schlägen hat. Nachts habe er Albträume, den Stadtteil Sülz meide er bis heute. Scheuch erzählt Geschichten wie er auf einer eingenässten Matratze schlafen musste, wenn er seinen Urin nicht einhalten konnte, weil er nicht zur Toilette gehen durfte. Wie Schwester Barbara ihn mit zum Decksteiner Weiher schleppte, seinen Kopf unter Wasser drückte und sagte: „Beim nächsten Mal stirbst du hier.“ Vom Priester, der stolz darauf war, dass er „eine Hand hart wie eine Bratpfanne“ habe und ein Mädchen einmal über eine Bank geworfen habe. „Ich habe keine Angst vor der Hölle, ich habe sie erlebt“, sagt Scheuch.

Man kann nur mutmaßen, was Nonnen und Priester dazu bringt, Kinder jahrelang zu schlagen. „Sie waren frustriert“, glaubt Cäcilie Benningsfeld, die Jahre später einmal versuchte, mit ihrer früheren Peinigerin zu sprechen. Benningsfeld fuhr nach Bonn-Bad Godesberg, wo die Schwester mittlerweile lebte, und wurde von ihr rausgeworfen. Rolf Koch von der Kinder- und Jugendpädagogischen Einrichtung der Stadt Köln (Kids) glaubt, dass die Schwestern zu wenig von außen kontrolliert worden seien. Die Gruppen mit 14 bis 18 Kindern führten sie weitgehend eigenständig. Auch der Direktor habe sich nicht mit den Kindern beschäftigt, sondern nur mit den Schwestern gesprochen, die in der Hierarchie weit oben standen.

Die Stadt Köln versucht heute, die dunkle Seite der Geschichte des Waisenhauses aufzuarbeiten. Entstanden ist die Buch-Dokumentation „Vom Kölner Waisenhaus zu Kids: Geschichte(n) des Kölner Kinderheims 1917–2012“, in der auch Zeitzeugen zu Wort kommen. Kids-Direktorin Lie Selter entschuldigt sich in dem Buch bei den ehemaligen Heimkindern. Doch das reicht Cäcilie Benningsfeld nicht. Sie will zwar keine Entschädigung, verlangt aber eine offizielle Entschuldigung von Stadt und Kirche.

Der Orden „Schwestern vom armen Kinde Jesus“, der heute seinen Sitz in Aachen hat, will sich nicht öffentlich zu den Vorfällen äußern. „Die Beschuldigten leben nicht mehr“, sagte Regionaloberin Maria Virginia auf Anfrage. „Wir können nicht mehr nachvollziehen, was damals passiert ist.“ Der Orden sei aber bereit, mit ehemaligen Heimkindern zu sprechen. „Wenn sich die Vorwürfe als wahr herausstellen, werden wir uns entschuldigen.“

Das Buch „Vom Waisenhaus zu Kids, Geschichte(n) des Sülzer Kinderheims 1917–2012“ kann für 15,90 Euro bei der Stadt unter Telefon 02 21/22 12 96 00 oder per E-Mail bestellt werden.

kids@stadt-koeln.de

– Quelle: http://www.ksta.de/934954 ©2016

Quelle: Gewalt in Kinderheimen: Eine Geschichte des Versagens | Kölner Stadt-Anzeiger


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