„Nationaler Widerstand“ oder Familienpiknik?

Patriotischer Widerstand oder Familienpiknik

Patriotischer Widerstand oder Familienpiknik?

Der folgende Text ist eine Übersetzung des polnischen Essays „Nationaler Widerstand czy rodzinny piknik – refleksje o VIII Marszu Autonomii i okolicach“ von Tomasz Kosiński, der im Original auf konzerwatyzm.plerschienen ist. Kosiński reflektiert darin den sich 2014 zum achten Mal jährenden Marsch für Autonomie in der Woiwodschaft Schlesien und setzt sich im Zusammenhang damit mit der Geschichte Schlesiens, Autonomie und den Verfehlungen der Warschauer Regierung auseinander.

Auf dem Boden wo Gott und Satan sich verweben
mussten wir nicht nur einmal in den Abgrund springen und dennoch erlernten wir das Fliegen

Oberschlesien ist ein ungewöhnliches, vielfältiges, kompliziertes und in Polen für gewöhnlich unverstandenes Land. Assoziert wird es mit Fördertürmen (die von Jahr zu Jahr immer weniger werden) und Bergwerken (die wir an zwei Händen abzählen können). Wenige wissen, dass die Region einen der größten Schätze an Schlössern und Burgen beherbergt. Wenige sind auch an der vielfältigen oberschlesischen Geschichte interessiert, die von der aus Warschau gelehrten abweicht. Oberschlesien ist eine Region, in der die polnische, tschechische und deutsche Kultur zusammentrafen (und de facto immernoch zusammentreffen). Es ist ein Land auf dem über viele Jahre Menschen mehrerer Bekenntnisse verschiedene Sprachen sprechend zusammenlebten. Es ist ein Land, das Mickiewicz und Slowacki nicht kannten, es ist das Land von Eichendorff, besucht durch Goethe.

Denn atmest du ein, spürst du das Pech dieser Straßen
Es ist das vergangene Jahrhundert, das uns alle taub gemacht

Das 19. Jahrhundert ist die Epoche der Nationalbewegungen. Zu dieser Zeit begannen Miarka, Lompa und Damrot und viele andere im zwischen Preußen und Österreich geteilten Schlesien ihre pro-polnischen Aktivitäten. Von preußischer Seite aus begann nach der Reichsgründung der „Kulturkampf“. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkten sich jene Aktivitäten in Oberschlesien – es waren u.a. die Zeiten von Korfanty und Bożek. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs führte zu einem Erstarken der Forderung nach einem polnischen Oberschlesien. Nach dem Krieg und auch nach der Abstimmung um den Verbleib Oberschlesiens griffen die Oberschlesier zu den Waffen – es kam zum Bürgerkrieg. Oft kämpfte Nachbar gegen Nachbar, sogar Bruder gegen Bruder… Die 1922 festgelegte Teilung Oberschlesiens führte zu vielen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen. Im Oktober 1921 beschloss der Völkerbund die Teilung der Region. Deutschland behielt 71% der Territoriums und ca. 1,1 Millionen Einwohner, Polen bekam 29% des Territoriuns und ca. 1 Millionen Einwohner. Aus wirtschaftlicher Sicht profitierte Polen: es erhielt 53 Kohle- und Erzbergwerke. Dennoch blieb 85% der Industrie in den Händen deutscher Unternehmer, deren Gut nun durch eine Grenze geteilt wurde. Die dem polnischen Teil Oberschlesiens zugesprochene Autonomie bewehrte sich gut. Der innerhalb der Verfassung der II. Polnischen Republik agierende schlesische Sejm besaß weitgehende Kompetenzen. Die Woiwodschaft Schlesien hatte einen eigenen Finanzhaushalt und trat 10% der Einnahmen an Warschau ab. Die Minderheiten auf beiden Seiten der Grenze waren durch die Genfer Konvention geschützt.

Der Maiputsch und die Regierung des Woiwoden Michal Grazynski, aber auch der steigende Einfluss der NSDAP und die Machtergreifung der Nazis in Deutschland führten zu einer Verschärfung der ethnischen Spannungen in Oberschlesien. Und mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs begann das nächste Drama für die Oberschlesier – ein Teil trat aus freiem Willen der Wehrmacht bei, ein anderer unter Zwang. Viele unterschrieben die Volksliste, andere hörten auf ihre katholischen Priester und unterschrieben die Volksliste nur um zu überleben (das Unterschreiben der Volksliste garantierte unter anderem größere Lebensmittelrationen). Der Einmarsch der Roten Armee war der nächste Schlag ins Gesicht der oberschlesischen Gesellschaft: Vergewaltigungen, Raub, Mord und Zerstörungen wertvollen Kulturguts (etwa das Schloss Miechowitz, auch als „Schlesisches Versaille“ bezeichnet). Viele Oberschlesier wurden in Lager verschleppt, unter anderem ins berüchtigte Lager „Zgoda“ in Schwientochlowitz, wo ein bedeutender Teil der Insassen starb.

Man brach unser Gut zu unserer ewigen Bürde
Heut schauen sie nicht mehr in die Augen, doch unter die Erde

Die Regierungsänderungen in Polen waren für Oberschlesien zunächst günstig, dennoch wurde fast ganz Schlesien in den neuen polnischen Staat eingegliedert. In den Nachkriegsjahren wurde zunächst die Volkszugehörigkeit verifiziert. Es begann die Massenausbeutung der Region. Die Schwerindustrie, die zuvor von den Russen geplündert wurde, wurde zum Fundament auf dem sich das neue System der „Volksherrschaft“ stützen solte. Die Arbeiterschaft erfreute sich viele neuer Privilegien, doch die Ideologie der einen Partei und der einen Arbeiterkultur begann den oberschlesischen Geist zu verstoßen. Nach dem Fall der Volksrepublik erhielt Oberschlesien in Form von Schockreformen den nächsten Schlag.

Der Fall der Volksrepublik, die Restrukturierung der Industrie, die Schließung von Bergwerken und die zerstörte Natur waren die nächsten Herausforderungen, denen sich Oberschlesien „im freien und demokratisch wiedergeborenen Polen“ zu stellen hatte und hat. Die Abkehr von der Schwerindustrie führte zu Massenentlassungen und Pauperismus. Trotz der Schwierigkeiten entwickelten sich in Oberschlesien viele innovative Projekte dank derer die Region langsam zum alten Glanz zurückfindet.

Das ist für all das was man uns über die Jahre genommen
Das ist für die Orte, an die man zurückkehren muss
Ich weiß, jeder ihrer Schläge bereichert uns
Ihr Glaube ist das Geld, unser ist Ehre und Arbeit

Am 12. Juli (2014) fand der achte Marsch für Autonomie, dessen Organisator die Schlesische Automoniebewegung (RAS) ist, statt. Durch zentralistisch eingestellte Zeitgenossen wird die Organisation oft als „5. Säule“ (Saboteure), „Volksdeutsche“ (von poln. Rechtsradikalen abwertend gemeint), „deutsche Agenten“, „Spielfiguren Angela Merkels“ usw. bezeichnet. Die Hauptforderung der RAS  beinhaltet die Änderung der Selbstverwaltungsstrukturen des Landes, die Förderung des Regionalismus und das Ausrufen eines nicht nur autonomen Schlesiens.

Der Marsch für Autonomie war eine Unterstreichung der Unterschriftensammelaktion für die Anerkennung der Schlesier als ethnische Minderheit. Die Initiative unterschrieben fast 124.000 Personen. Das Hauptziel der vorgeschlagenen Veränderungen ist der Schutz der schlesischen Identität, Kultur und Geschichte der Region. Es soll der Eintritt zu weiteren Aktivitäten werden – nicht nur Schaffung eines autonomen Schlesiens, aber auch eines starken regionalistischen Polens. Eines Staates, in dem die Regionen zum größten Teil um sich selbst entscheiden, ohne die zentralistische Regierung aus Warschau. Es ist ebenso erwähnenswert, dass beim diesjährigen Marsch für Autonomie wieder Vertreter der „Allpolnischen Jugend“, des „ONR“ (beides tlw. progressive Teile der poln. Rechten) und auch einiger anderer Organisationen teilnahmen, denen die Idee eines starken regionalistischen Staates nahesteht. Nach dem Marsch fanden am Platz des Schles. Sejms traditionelle Konzerte und andere Attraktionen für die Besucher des Marsches statt.

Jedoch hegt niemand Zweifel, dass die Politiker der allgemeinen polnischen Parteien alles tun werden (oder auch einfach gar nichts, um sich des Problems zu entledigen) um dem vorgeschlagenen Projekt den Hals umzudrehen. Den 140.000 potenziellen Wählern aus Oberschlesien ist ein klares Signal zu geben, und was für sie wichtiger ist, ihr Wahlinteresse zu berücksichtigen, statt sie zu bevormunden und an der Leine zu halten.

Die lyrischen Parts zwischen den Absätzen stammen übrigens aus diesem Lied:

Quelle: „Nationaler Widerstand“ oder Familienpiknik?

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