Martin Kobler: „In Libyen warten 235.000 Migranten auf die Überfahrt nach Italien“ | UNSER MITTELEUROPA


Martin Kobler – Foto: MONUSCO, http://flickr.com/photos/67163702@N07/9504149832, cc-by-sa-2.0.

„In Libyen warten 235.000 Migranten auf ein Überfahrt über das Mittelmeer nach Italien. Es ist von entscheidender Bedeutung für die Wiederherstellung der Sicherheit in Libyen, dem Phänomen des Menschenhandels zu begegnen, welches mit dem des Terrorismus eng verflochten ist.“ Dies erklärte Martin Kobler, der deutsche Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen für Libyen, in einem gegenüber der italienischen Zeitung „La Stampa“ in New York gegebenen Interview, das wir nachstehend auszusgsweise in deutscher Übersetzung veröffentlichen.

Wie beurteilen Sie die Offensive von General Haftar zur Richtung der Ölanlagen?

„Mit großer Sorge, denn das Öl gehört allen Libyern, nicht nur einem Teil. Die Vereinbarung betreffend die Regierung des Landes ist ganz klar: der Oberbefehl über die vereinigten Streitkräfte liegt in den Händen des Präsidialrats. Ich plane Treffen in Libyen und mit den Akteuren im Osten des Landes, um eine Lösung zu finden und sicherzustellen, dass die Vereinbarung eingehalten wird.“

Es gibt Befürchtungen, dass es zu einem neuerlichen offenen Krieg zwischen Haftar und den Streitkräften der Regierung der nationalen Verständigung kommen wird…

„Diese militärischen Spannungen gibt es, man kann sie nicht verbergen. Libyen braucht hingegen Dialog, Stabilität und Einheit. Ich habe Haftar kontaktiert und bin bereit, ihn zu treffen, um eine Lösung zu finden, die eine einheitliche Armee ermöglicht, damit alle zusammen die Terroristen bekämpfen und das Öl schützen können.“

Wurde der ‘Islamische Staat’ in der Sirte-Offensive besiegt?

„Der ‘Islamische Staat’ wird sehr bald keine Herrschaft mehr auf libyschem Territorium ausüben können. Diese Tatsache ist sehr ermutigend für das Land. Wir müssen aber zugleich wachsam bleiben, denn der Terrorismus ist noch nicht beendet und seine Kämpfer werden versuchen, sich in andere Regionen abzusetzen. Das erste Ziel muss es nun sein, die Stadt zu stabilisieren. In Sirte gibt es ca. 90.000 Flüchtlinge, die ihre Häuser verlassen mussten. Sie würden gerne wieder in ihre Häuser zurückkehren, können dies aber nicht, weil dort alles vermint ist. Deshalb haben wir einen Aufruf gestartet, um einen Betrag von 10 Millionen US-Dollar aufzustellen, damit die Stadt entmint werden kann und es ihren Bewohnern ermöglicht wird, in ihre Häuser zurückzukehren.

Besteht die Gefahr einer neuen Migrationswelle?

„Sowohl Terrorismus als auch Migration sind Symptome ein und derselben Krankheit, nämlich des Mangels an staatlicher Autorität. Deshalb müssen wir das eigentliche Problem lösen, indem wir die Rechtsstaatlichkeit wiederherstellen. Menschenhandel (Schlepperei) ist ein Verbrechen, das bekämpft werden muss: Polizei und Armee müssen im ganzen Land eingesetzt werden, um Terroristen und Menschenhändler zu bekämpfen. Laut unseren Informationen gibt es 235.000 Migranten, die nur auf die Gelegenheit einer Überfahrt nach Italien warten, und sie werden diese Gelegenheit finden. Die Erhöhung der Sicherheit ist gegenwärtig das allerwichtigste Thema. Sobald es wird eine starke und vereinte Armee anstelle der derzeitigen fragmentierten Streitkräfte gibt, wird man den Gefahren des Terrorismus und des Menschenhandels Einhalt gebieten können.“

Was kann die internationale Gemeinschaft tun, um den Menschenhandel zu stoppen, sei es in Form von Hilfsaktionen oder sogar eines militärischen Einsatzes?

„Die internationale Gemeinschaft tut schon viele Dinge, wie zum Beispiel die Ausbildung der libyschen Küstenwache durch Europäer. Um das Problem tatsächlich zu lösen, müssen wir aber an seine Wurzel gehen, nämlich der Transit und der Menschenschmuggel entlang der libyschen Küsteim, aber auch die Armut in den Herkunftsländern. Ich war in den Lagern und habe mit Leuten aus dem Senegal oder aus Guinea-Bissau gesprochen und sie alle erklärten mir, dass sie von zu Hause weg wollten, weil sie dort nichts zu essen haben. Der Kampf muss also in erster Linie in ihren Heimatländern durchgeführt werden und auf diese Weise die Entstehung eines Transits nach Libyen verhindert werden.“

Quelle: www.lastampa.it/2016/09/15/esteri/kobler-in-libia-ci-sono-mila-migranti-pronti-a-salpare-per-raggiungere-litalia-hAA0TvaXKB5uZOE63FQEEO/pagina.html

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Quelle: Martin Kobler: „In Libyen warten 235.000 Migranten auf die Überfahrt nach Italien“ | UNSER MITTELEUROPA


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